12. April 2026
Warum ich meine Arbeit liebe und meine Familie nervt.
"In this new model of family and work life, a tired parent flees a world of unresolved quarrels and unwashed laundry for the predictable world of work.“ (Arlie Russell Hochschild)
Wenn ich morgens die Wohnung verlasse, kenne ich das Drehbuch des Nachmittags bereits auswendig: Das Geschirr türmt sich, der Boden schreit nach dem Sauger, die Wäscheberge sind unbezwingbar. Das Bad müsste mal wieder… und diese Glasflaschen! Seit drei Monaten starrt mich das Bild an, das eigentlich an die Wand soll, um dieses „Zuhause-Gefühl“ zu simulieren. Dann ist da noch der Spinning-Kurs, der Besuch bei der frischgebackenen Mutter, das ungelesene Buch auf dem Nachttisch und die überfällige Auto-Inspektion.
Und natürlich das Highlight: Mein Sohn will sich am Wochenende verabreden. Mit der Tochter jener Frau, die ich so wenig ausstehen kann wie eine Wurzelbehandlung. Aber egal – das kann alles warten. Ich sitze im Zug. Ich fahre zur Arbeit. Irgendwer muss den Karren schließlich ziehen, oder?

Die Superhelden der Kaffeemaschine
Mir kommt es oft so vor, als hätten die Tage meiner Kollegen 749.274 Stunden, während meine 24 Stunden im Stillen vor sich hinkleckern. Es ist erstaunlich: Während ich hier sitze und eigentlich Besseres zu tun hätte als stupide Verwaltungsaufgaben, lausche ich den Lebensberichten dieser Superhelden. Nicht, weil sie in Unterwäsche durch die Gänge fliegen, sondern weil sie ihren Alltag scheinbar so bravourös meistern und hier auf der Arbeit immer so verdammt „gut gelaunt“ erscheinen.
Doch schaue ich genauer hin, sehe ich keine kantigen Superman-Gesichter. Ich sehe müde, ausgelaugte Augen. Ich sehe Menschen, die ihre Erschöpfung vor sich her tragen wie eine Tapferkeitsmedaille. Wer am lautesten stöhnt, ist der König im Reich der Unfreien. Es ist ein bizarrer Wettbewerb im Märtyrertum: „Mein Burnout ist heiliger als deiner.“
Sie prügeln sich jeden Morgen aus dem Bett, kämpfen sich durch den Berufsverkehr oder suchen verzweifelt Ausweichverbindungen der pünktlich-unpünktlichen Bahn. Und kaum angekommen? Widmen sie sich ihrem ersten rituellen Arbeitsschritt: 15 Minuten andächtiges Beobachten der Kaffeemaschine. Ein argusäugiges Wachen darüber, wie heißes Wasser in langsamen Schüben über schlecht gemahlenes Billig-Pulver tropft.
Das Theater der 4,35 Meter
Ist der Trank gebraut, beginnt der Austausch des neuesten Tratsches. Natürlich nicht leise. Warum auch? Nach DIN-Vorschrift sitzen wir exakt 4,35 Meter voneinander entfernt – man ist also quasi gezwungen, am Intimleben völlig fremder Menschen teilzuhaben. Nach anderthalb Stunden ist der erste Frust über das „allerheiligste“ Privatleben endlich aus dem leblosen Körper gewichen. Jetzt kann die Arbeit beginnen. Sie macht sich ja schließlich nicht von selbst.
Auf den Fluren trifft man dann die Gestalten, die einem ein monotones, unmotiviertes „Mahlzeit“ entgegenwerfen. Ich bewundere sie fast: Trotz ihrer scheinbaren Überlastung bringen sie noch die Kraft auf, eine automatisierte Floskel abzusondern, die sich über Jahre in ihr Fleisch eingebrannt hat.
Das Hochamt in der Plastikhalle
Gegen Mittag steigt die Laune. Schnitzelwoche in der Kantine! Ein Ereignis, das man zelebriert. Man schart die Lieblingskollegen um sich und pilgert in eine überfüllte Plastikhalle, um den Kantinenfraß zu verspeisen. Dass dieser Treibstoff, der jeder gesunden Ernährung spottet, preislich mittlerweile mit feinstem Marihuana konkurriert - geschenkt.
Die Maschine braucht Brennstoff, um weitere zwei Stunden Kaffeemaschinen zu beobachten, zu lästern und gemeinsam „Wasser zu holen“ - man versteht sich so gut, man könnte fast "Freund" sagen.
Dann ist Feierabend. Auch für mich. Ich stehe draußen, genieße das Tageslicht und die frische Luft. Aber schau dir die Gesichter an, die diesen Betonbunker verlassen: Statt Freude herrscht Untergangsstimmung. Der letzte Funken Lebensgeist wurde scheinbar mit dem Kaffeesatz entsorgt. Wer freut sich schon auf das „Zuhause“, wenn dort nur noch mehr Arbeit wartet?
Die Flucht in den Hypothalamus
Im Zug geht das Schauspiel weiter. Leere, erschöpfte Gesichter starren auf Smartphones, als wollten sie sich die Geräte bis in den Hypothalamus rammen. Bloß nichts mitkriegen. Je mehr Ablenkung, desto weniger spürt man, was einen wirklich beschäftigt: Der Haushalt, der Pickel auf der Stirn oder die schlichte Tatsache, dass man keinen blassen Schimmer hat, wie man sich eigentlich fühlt.
Man mag mich für arrogant halten, aber mich belustigt dieses tägliche Theater. Während andere Kollegen mit Heuchelei und wohlgemeinten Ratschlägen um sich werfen, sitze ich auf meinem imaginären Hocker, trinke meinen Sencha-Tee und genieße die Show. Nicht aus Voyeurismus, sondern weil ich eines weiß: Ich habe auch keinen Bock auf Arbeit. Aber ich weiß wenigstens noch, wo mein Sanktum und wo meine Hölle ist.
Der Spinner in der Behörde
Ich käme nie auf die Idee, mein Zuhause und meine Familie so herunterzumachen, dass die Arbeit wie eine Erlösung wirkt. Ja, ich brauche das Geld für das Spülmittel, um das Geschirr der letzten vier Tage abzuwaschen. Das ist mein Grund, aufzustehen. Aber ich raffe mich nicht auf, um Teil einer Herde zu sein, die ihre Freizeitstunden sofort wieder mit Terminen zupflastert, nur um sich am nächsten Morgen an der Kaffeemaschine darüber zu beschweren.
Wenn ich diese Leute frage: „Wenn du weißt, dass du Ruhe brauchst, warum machst du dann trotzdem weiter?“, ernte ich entweder hasserfüllte Blicke oder die Tränen tränken den Behördenfilz so tiefschwarz, dass die Nacht blass wird vor Neid.
Wer bin ich schon? Der Spinner mit den 26mm-Ohrlöchern, den tätowierten Armen und Händen und dem Faible für den Wald und gemütliches, selbstgezogenes Ganja. Der „Spinner der angesagtesten Behörde in NRW“. Und wisst ihr was? Sie haben recht. Ich bin ein Spinner. Genau so ein Spinner, wie sie Profis in ihrer Fähigkeit sind - unfähig, auf sich selbst achtzugeben, sich selbst zu respektieren.
Die Illusion der Freiheit
Sie sammeln Überstunden wie Payback-Punkte, in der Hoffnung, sie irgendwann gegen ein echtes Leben einzutauschen. Doch sie merken nicht, dass sie ihre Lebenszeit gegen bedrucktes Papier eintauschen, das sie nur brauchen, um den Schmerz über die verlorene Zeit zu betäuben.
„Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Ein schöner Satz.
Aber die meisten wissen weder, was Glück ist, noch wie man einen Hammer hält. Sie warten darauf, dass das Glück vom Himmel auf den Schreibtisch fällt – als Belohnung für ihre Aufopferung für den Chef, die Familie oder den Nachbarn.
Ich hingegen brauche keinen Hammer. Mir reicht es, einer Krähe in Münster beim Zerlegen einer Mülltüte zuzusehen. Mir reicht es, wenn meine Katze meinen Bassverstärker als Kratzbaum missbraucht. Mir reicht es, hier zu sitzen und zu wissen: Wenn morgen ein Baum im Gewitter umfällt, wird er über mich genauso richten wie über die Kollegin, die sich gerade über aufregen.
In diesem Sinne: Komm klar.



