10. April 2026
Es ist egal, welche Hunderasse du kaufst.
Boxer, Australian Shepherd oder doch lieber ein einfacher Labrador? Zahlreiche Hunderassen, entscheiden kann man sich aber immer nur für eine. Mit der Diversität der Hunderassen verhält es sich wie mit der Auswahl verschiedenster Schokoladenarten im Supermarkt.
Schier unendliche Variationen von ein und derselben Sache. Bei diesem Angebot verliert man sich all zu gern in der schweren Entscheidung zwischen Zartbitter mit Pistazie und Karamell und Zartbitter mit Pistazie und salzigem Karamell. Der feine Gaumen ist ausgerichtet auf die subtilen Geschmacksnuancen und der Verstand erfüllt von dem Wunsch das Beste zu bekommen. Zur Hilfe nimmt man sich die Beschreibung der jeweiligen Sorten, denn sie sollen eben diesem anspruchsvollen, auf Perfektion getrimmten Verstand, bei der Auswahl helfen. Einfacher wird die Wahl des Glücks jedoch nicht, denn jedes der Objekte unserer Begierde präsentiert sich von seiner süßesten Seite. Will sich von dem Nebenmann abheben, betont kleinste Details und vernebelt den Verstand des Betrachters, sodass die Illusion begehrenswerter Einzigartigkeit entsteht. Dabei handelt es sich, nüchtern betrachtet, um Schokolade. Oder einen Hund.
Nun sind die Unterschiede zwischen der Lebenslust eines Labradors und der Trägheit eines Kaukasischen Schäferhundes nicht von der Hand zu weisen. Die Entscheidung zu einer bestimmten Art von Hund sollte nicht von der einzelnen Rasse im Detail abhängen, denn für eine derart kleinliche Zerteilung ein und derselben Spezies sind sich alle Hunde auf dieser Erde zu ähnlich. Der grobe Rahmen muss passen.
Nicht jeder wird glücklich mit einem Begleiter, der eigentlich kein Interesse am Begleiten hat und viel lieber auf einem Hügel über das weite Land blickt.
Doch diese Entscheidungen sind reine Lifestyle-Entscheidungen und haben keinen wirklichen Einfluss auf das, was mit der Wahl der richtigen Hunderasse erreicht werden möchte.
Problemlos soll er sein, der Hund, das neue Familienmitglied. Pflegeleicht, leicht erziehbar, sanft zu den Kindern, freundlich zu jedem, ohne Aggressionsverhalten, dafür niedlich oder wunderschön. Er soll dem Menschen keine Umstände bereiten, höchstens in der Welpenzeit, danach soll er sich ins bestehende Leben einfügen. Das erreicht man in erster Linie durch das passende Produkt. Angefangen vom Hund bis zum perfekten Spielzeug und der korrekten Fütterung.
Als ich vor einiger Zeit mit meiner Schäferhündin spazieren ging, begegnete mir eine Mutter mit drei Kindern, eines davon im Kinderwagen. Daneben ein kleiner weißer Hund, der recht aufgeregt schien. Er konnte seinen Blick nicht von Runa abwenden. Je näher wir uns kamen, desto mehr Details erkannte ich. Sein Körper klein und gedrungen, die Bewegungen ungeübt und tollpatschig, das Gesicht uralt. Ich zweifelte kurz über meine Einschätzung des Alters dieses Hundes. Er knurrte, bellte und sprang drohend in die Leine. Weil ich zu keinem abschließenden Ergebnis kam, fragte ich die Mutter, ob es sich bei dem kleinen Hund um einen Welpen handelt. Die sichtlich gestresste junge Frau bejahte dies. Ich konnte mir einen Ausdruck des Erstaunens nicht verkneifen. Der kleine Hund vor mir, ein Labrador Welpe, gerade einmal 14 Wochen alt verhält sich wie ein Erwachsener.
Sicherlich handelt es sich auch hier um einen sorgfältig ausgewählten Hund, das lässt sich leicht an der Konstellation junge, gut gekleidete Familie mit Hund ablesen. Der Hund soll ein Familienhund sein, ein Spielkamerad für die Kinder, er rundet das Bild der glücklichen und erfolgreichen Familie ab. Wäre da nur nicht das Problem mit dem Aggressionsverhalten. Mit dem Pöbeln an der Leine bei Hundesichtung. Mit der Hyperaktivität und dem Rückruf.
Dieses Beispiel ist eine sehr deutliche Veranschaulichung davon, dass e sich nicht um die falsche Rassewahl handelt, sondern an der völligen Fehleinschätzung der eigenen und aktuellen Situation. Zwei Kinder im Grundschulalter, ein Säugling, die Mutterschaft und ein Welpe.
Verhält sich ein Hundewelpe derart aggressiv in diesem Alter, so liegt etwas im Argen. Der Hund zeigt, völlig unabhängig seiner Rasse, wie es um das „Familienoberhaupt“ steht. Die Eltern, in diesem Falle die Mutter, scheint überfordert mit den Bedürfnissen vier verschiedener, sich in der Entwicklung befindlichen Persönlichkeiten plus der Erfüllung ihrer eigenen. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich nicht die Entscheidung zum Hund trotz drei junger Kinder kritisiere.
Der Hund zeigt, dass in der Kommunikation der Mutter ein Defizit vor liegt. Es beginnt damit, dass sie ihre Bedürfnisse ihren Kindern und dem Hund gegenüber nicht äußert. Dies passiert oftmals dann, wenn man sich „nur das Beste“ für das Kind wünscht und aufgrund eines falschen Verständnisses der Realität in die Falle der Erziehung rein über positiv verstärkende Konzepte und Methoden tappt. Dieses Konzept, in der Hundeszene seit Jahren bekannt, vehement verteidigt und inzwischen in die Kontroverse geraten, findet seinen Ursprung in der erlernten Kommunikation einer gesamten Gesellschaft. Denn der Druck dem positiven Bild einer liebenden und fähigen Mutter zu entsprechen, bildet sich durch die eigenen negativen Erfahrungen mit den Eltern und einer Gesellschaft, die Normalverhalten zunehmend pathologisiert. Negative (Lebens)Erfahrungen gelten als Fehler in einer guten Kinder- und Hundeerziehung und werden vermieden. Beim Hund bedeutet es die Leine und Training, bei Kindern die uneingeschränkte Entfaltung des kindlichen Willens, bei gleichzeitiger Überbehütung (Kameras im und um das Haus, Privatspielplätze im eigenen Garten, Kontakt zur Außenwelt nur unter elterlicher Begleitung).
Dass ein Labrador sich verhält wie ein übersprudelnder Schäferhund und ein Schäferhund wie ein Straßenhund, ist letzendes das Ergebnis der Erfahrungen, die der Hund für sich selbst macht. Genetische Unterschiede im Verhalten der verschiedenen Hunderassen sind in den meisten Fällen verschwindend klein und äußern sich oftmals in den Interessen des Hundes. Jagdhunde sind, wie der Name andeutet, jagdlich motiviert, dabei vergisst der Liebhaber der Hundezucht jedoch, dass alle Arbeitseigenschaften Formen des Jagdverhaltens sind. Somit ist jeder Hund grundsätzlich jagdlich motiviert, es sei denn, es handelt sich um einen Hundetyp, dessen Arbeitsgebiet es ist sich niemals von der Gruppe zu entfernen (Herdenschutzhunde).
Die größten Unterschiede liegen also nicht in den einzelnen Rassen, vielmehr in deren Arbeitsgebieten und den daraus resultierenden Hundetypen. Ein Hütehund ist, obwohl beide Hundetypen dasselbe Arbeitsumfeld haben, im Verhalten deutlich impulsiver als ein Herdenschutzhund. Hüte- und Jagdhunde sind in hohem Maße manipulierbar, also trainierbar, da sie leicht reizbar sind. Man kann sich das Gehirn eines solchen Hundes wie ein Feuerwerk vorstellen. Emotionen führen bei jedem Hund zu Verhalten, sogenannte „Arbeitshunde“ (mit Ausnahme des Herdenschutzhundes) zeichnen sich durch ein hohes Maß an Impulsivität, Stressanfälligkeit und emotionaler Instabilität aus. Jemand, der ständig in der Emotion ist, ist leicht zu manipulieren. Deshalb fällen chronisch gestresste Menschen eher impulsive Entscheidungen, die langfristig gesehen negative Auswirkungen auf das soziale Umfeld und die Gesundheit haben.
Haben wir also eine gestresste Mutter, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie unberechenbar auf ihr Umfeld wirkt, ziemlich hoch. Das hat zur Folge, dass Kinder keine soziale Stabilität erhalten, da das gestresste Elternteil nicht auf das Kind eingeht, sondern auf eigene innere Zustände reagiert und diese am Kind auslebt. Auch Hunde bemerken diesen Zustand und verhalten sich den Erfahrungen eines solchen Miteinanders entsprechend. Als Kompensation werden auch positiv empfundene Emotionen deutlich übersteigert.
Wenn Menschen meine Schäferhündin kennen lernen, so verhalten sie sich häufig entzückt. Runa stellt das konservative Bild des Deutschen Schäferhundes dar, gleichzeitig ist sie durch ihre Fellzeichnung, stark ausgeprägte, schwarze Maske und den dadurch hell erscheinenden braunen Augen eine für das menschliche Auge sehr attraktive Hündin. Die Begeisterung über die überaus offene Hündin lässt sich in den meisten fällen durch die Erwähnung ihres Alters steigern. Der Fakt, dass Runa unter einem Jahr alt ist, führt zu einer Intensivierung der „Babystimme“ sowie einer stärkeren Gestikulation sowie übertriebenen Mimik. Runas Reaktion, die sich der Aufregung des Menschen anpasst, wird dabei als Freude fehlinterpretiert. Sie beginnt erst am Menschen hochzuspringen, bevor sie ihre Schnauze in das Gesicht der Person stößt, gefolgt vom Festhalten der Hände und Arme der Person. Was hier häufig als freudiges und ausgelassenes Spiel interpretiert wird, ist in Wahrheit der hündische Versuch den Menschen in seiner Aufregung zu stoppen (korrigieren).
Übersteigerte Emotionen, positiv wie negativ, führen zu riskantem Verhalten. Die rosarote Brille ist eine fantastische Metapher für die zerstörerische Kraft chronischer emotionaler Dysbalance.
Trotz, dass es sich bei meiner eigenen Hündin um einen Hundetypen handelt, der für Impulsivität steht, ist sie in der Lage das Verhalten des Menschen zu interpretieren und ihr Bedürfnis nach Ruhe auf soziale Art zu äußern. Dass sie dazu in der Lage ist, ist den vorangegangenen Erfahrungen mit der Umwelt und ihrem sozialen Umfeld zu verdanken. Genetisch tendiert sie als Hütehund zu emotionaler Instabilität; als Folge übersteigertes Jagdverhalten ( bspw. Border Collie) und/oder stark ausgeprägtem Aggressionsverhalten (bspw. Malinois). Woher die zahlreichen Beißvorfälle durch Schäferhunde kommen, liegt auf der Hand. Hier muss ich erwähnen, dass der Malinois (einer der vier Varianten des belgischen Schäferhundes) aufgrund seines heute gewünschten psychischen Zustandes Qualzuchtmerkmale aufweist. Der, teilweise zuchtbedingt, verhaltensgestörte Malinois ist ein Extrembeispiel für die Auswirkungen fehlender Kommunikation von Seiten des Menschen.
Die Fähigkeit des Menschen Grenzen zu setzen und für diese einzustehen, verändert sich nicht mit der Wahl der richtigen Hunderasse. Höchstens beeinflusst das Stigma des Hundes, ob ein Mensch eher vorsichtig oder ausgelassen mit dem Hund kommuniziert. So möchte sich kaum einer mit einem Kaukasischen Schäferhund „anlegen“ während über einen bellenden Chihuahua geschmunzelt wird, ungeachtet des tatsächlichen Verhalten des Hundes.
Ein kleiner Hund muss sich oft laut und übertrieben deutlich ausdrücken um ernst genommen zu werden, während die bloße Präsenz eines 70kg schweren Hundes ausreicht, um die Meisten zur Ruhe zu bringen.
Im sozialen Miteinander zwischen Mensch und Hund hat die Hunderasse keinerlei Bedeutung – sie stellt lediglich Liebhaberei dar. Die Hunderasse ist eine Kommunikationsform des Menschen, die anderen Menschen dadurch seinen gesellschaftlichen Status präsentiert. Das Bild verschiedener Hunderassen verändert sich mit der Gesellschaft. Während der Anatolische Hirtenhund (Kangal) in seiner Heimat genauso ein Standard-Hund wie es in Deutschland Dackel und Deutscher Schäferhund sind, ist es hierzulande regelrecht verpönt einen solchen Hund zu halten. Aus verschiedenen Gründen, allem voran die Fremdartigkeit.
Die Frage nach dem passenden Hund ist dieselbe Charakterfrage wie die Partnerwahl. Entweder es funkt, oder nicht. Die Hunderasse garantiert nicht die Sicherheit, die Hundetrainer und Züchter oftmals suggerieren. Jeder meiner Schäferhunde hätte sich nicht mehr von dem anderen unterscheiden können. Und obwohl sie auf den ersten Blick gleich aussehen, so könnte ich meinen verstorbenen Ares (weißer Schäferhund) unter tausenden seiner Brüder und Schwestern wiederfinden. Dass ich Schäferhunde halte, ist mehr oder minder Zufall, höchstens Sozialisierung. Keine Vernunftentscheidung.
Mein Vater hatte ein großes Bild eines Deutschen Schäferhundes an der Wand hängen. In Deutschland hatten weder mein Vater noch meine Mutter Hunde, mein Vater hat sogar eine Hundeangst – doch waren es gerade Deutsche Schäferhunde und Rottweiler, die in ihm eine Bewunderung auslösten.



