10. April 2026
Mein Hund hasst seine Leine.
Jahrelang begleitet mich nun schon diese verdammte Hundeleine. Dabei nervt sie mich mehr, als dass sie mir nützlich ist. Trotzdem halte ich seit acht Jahren Hundehaltung an ihr fest. Seinen Hund an die Leine zu nehmen, gehört sich eben, auch wenn mein Hund und ich auch ohne laufen könnten. Könnten. Stattdessen kämpfe ich seit acht Jahren gegen jegliches Leinenziehen, Verheddern und Verknoten an. Immer nur eine Hand freihaben und irgendwie den noch wichtigeren Kotbeutel öffnen und zuknoten. Eigentlich empfinde ich beim Gassi-gehen schon lange keinen Spaß mehr. Eher denke ich an all die Pflichten, die ich als Hundehalter in der Gesellschaft zu erfüllen habe, das schlechte Gewissen, wenn man doch nicht alle Kotreste seines Hundes vom Asphalt kratzen konnte. Die Gedanken, die darum kreisen, dass es für den Hund sicherlich mal schön wäre Freilauf zu bekommen, aber so oft wie man gerne hätte passiert es nicht. Entweder begegnet dir mitten auf dem Acker ein Hase oder gleich eine ganze Familie mit Kleinkindern – oh Gott, bloß keine Kleinkinder.
Wenn mein Hund auch nur den Anschein gibt sich für die Kinder zu interessieren, denken die Eltern bestimmt ich habe eine menschenreißende Bestie an der Leine. Und überhaupt, wieso sind die genau jetzt um diese Uhrzeit, bei diesem Wetter auf dem Feld? Müssen die nicht arbeiten und in den Kindergarten?
Kaum zieht die Situation an mir vorbei und ich hatte bereits einhundert Gedanken, die alle nicht wirklich angenehm sind. Im Gegenteil, ich bin gestresst. Mein Hund macht natürlich genau das, was ich nicht will. Scham überkommt mich, denn jetzt denken die da drüben wirklich, ich hätte eine unausstehliche Bestie an meiner Seite.
Ich sehe jetzt wirklich dämlich aus, als könnte ich meinen eigenen Hund nicht unter Kontrolle halten.
Dabei mache ich doch genau das, was verlangt wird. Ich halte meinen Hund an der Leine. Ich bin ein verantwortungsvoller Hundehalter. Irgendwie habe ich mir das aber anders vorgestellt. Ich trainiere fleißig, nehme ihn sofort an die Leine, sobald jemand anders in unserer Nähe ist und räume die Haufen weg. Ich tue all das, was ein verantwortungsvoller Mensch tun würde. Doch, wenn mein Hund an der Leine pöbelt und vor Aufregung keinen Funken Menschlichkeit mehr zeigt, fühle ich mich wie ein Versager, wie ein Idiot, sie sollen doch alle sehen, wie gut mein Hund eigentlich erzogen ist! Meine Gedanken kreisen und finden kein Ende, bis ich einen anderen Hundehalter erblicke. Nimmt er seinen Hund jetzt an die Leine? Was mache ich, wenn er es nicht tut? Was für ein Arschloch, wenn er seinen Hund jetzt nicht an die Leine nimmt. Der traut sich aber was, so nah mit einem unangeleinten Hund an meinen heranzukommen. Meistens tut er es.
Nichts an dieser Hundehaltung macht nachhaltig Freude. Seit dem Moment an dem der erste Glücksrausch nach dem Welpenkauf verflogen ist, bin ich ununterbrochen dabei meinen Hund von anderen Menschen und anderen Hunden fernzuhalten. Meinen Hund, der eigentlich der beste Freund des Menschen sein sollte. Diesen besten Freund halte ich krampfhaft an der Leine. Toller Freund, den ich hier darstelle. Ich stelle mir vor wie es wäre, wenn die Rollen vertauscht wären. Ich trage ein Halsband und werde von meinem Hund an einer Leine geführt. Oder würde mein Hund mir ein Geschirr anziehen? Schräg, die Vorstellung an einem Strick befestigt zu sein. Aber warum nicht? Wir machen es doch bereits beim besten Freund des Menschen, warum dann nicht auch bei Kindern? Immerhin sind sie wesentlich sicherer an der Leine, sie können nicht einfach so auf die Straße rennen. Während ich meine täglichen Spaziergänge erledige, dämmert mir Großes. Mein Kopf rattert, eine Frage nach der anderen brettert durch meine starren Hirnwindungen. Auf einmal fliegen acht Jahre an mir vorbei.
Was machen wir hier?
Wir halten unsere Hunde an der Leine, weil wir genau dasselbe mit dem Menschen tun. Jede seltsame Beziehung, jedes unangenehme Gespräch entfaltet sich in meinem Kopf, es ergibt nun alles einen Sinn. Diese Erkenntnis ist nicht wieder eine dieser zahlreichen Theorien zur perfekten Gesprächsführung oder dem effektivsten Hundetraining. Nein, es ist die Wahrheit. Nichts mehr als das. Mickrig klein. Kaum begreife ich, was ich da gerade denke, schon überkommt mich ein Verlangen danach dieses Wissen zu teilen. Ich will mich mitteilen, kommunizieren, denn es gibt keinen Grund für dieses Leid, dem wir uns Tag für Tag aussetzen – man muss nur…. So beginnt ein neuer Zyklus des nicht-verstanden-Werdens, denn zu erklären, wie man dieses Wissen greifen kann, wird zur größten Aufgabe meines Lebens. Egal wie oft ich es versuche, bestimmt, freundlich, streng, sanft oder lehrend, dieses Wissen ist nicht erklärbar, nicht hörbar. Jedes Wort biegt in eine andere Richtung ab, nur nicht die, die ich dafür vorsehe. So stehe ich wieder in einer Sackgasse, müde, genervt und völlig orientierungslos. Zu verstehen, wie man die Leine loslässt ist keine Methode, keine Theorie, es ist das pure Leben. Entweder man lässt sie los oder nicht. Es gibt kein Geheimnis oder eine Übung dafür. Es ist so einfach – doch gibt es nichts Schwereres auf dieser Welt.
Meine letzte Leine ist nicht etwa eine aus Sisal, Biothane oder Leder. Es sind Ketten, die werde ich nicht einfach so los, also schon, aber auch nicht. Meine früheren, riesengroßen Gedankenspiralen konzentrieren sich nur noch auf diesem einen Punkt, Sie ziehen keine Kreise mehr, vielmehr vibrieren sie an Ort und Stelle. Ich weiß, rational, dass die Kette in meiner Hand liegt, doch emotional fühlt es sich an, als sei sie mit mir verschweißt. Wie ein Hund, dessen Kette sich im Laufe seines jämmerlichen Daseins als lebendige Alarmanlage in sein Fleisch geschnitten hat. Genau das bin ich. Trainiert darauf in Alarmbereitschaft zu sein, denn das macht mich zu einem verantwortungsvollen Menschen. Nicht nur mich, auch dich, deine Nachbarn und deinen Hund.
Wofür?
Je mehr ich darüber grüble, desto weniger werden die Gründe für dieses übersteigerte Sicherheitsbewusstsein. Schon lange denke ich nicht mehr über meinen Hund nach, denn aus irgendeinem Grund ist er ganz ruhig, anders als sonst. Ich blicke hoch und sehe meinen Hund an einem Terracotta-Blumentopf schnuppern, kurz regt sich Unbehagen in mir, ich schaue auf die zusammengerollte Hundeleine in meiner Hand. Da läuft mein Hund schon weiter, um am nächsten Busch zu schnüffeln. An mir fahren Fahrradfahrer vorbei, kläffende Hunde stören das morgendliche Vogelgezwitscher, Kinder laufen an meinem Hund vorbei. Er blickt kurz hoch, dann setzt er seine Schnüffelroutine fort. Wie konnte ich mich so sehr auf einen Gegenstand verlassen, dass ich ihm die Kontrolle über mich abgab? Ich zucke mit den Achseln und verliere mich in einer kühlen Brise.
Der tut ja wirklich nix.
Mir dämmert’s.



